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Portrait - Sophie (23)

Durchgefallen und sitzen geblieben. Fest stecken geblieben. Augen schließen, fallen zu. Durchtriebenes Netz aushalten, hindurch gucken, durch fallen und dann einfach drunter liegen bleiben. Unbequem und kalt. Abgestorben und alleine.

Mädchen mit wunderschönen braunen Augen, leichten Sommersprossen, Cap über rotgefärbtem Haar, Zungenpiercing, Ohring und schmaler Nase, sitzt an einem Tisch, der viel zu sehr den Mittelpunkt des Geschehens bildet. Niemand wagte es, nur sie, aus Müdigkeit, so nah an den Oberbürgermeister ran, so nah an der Macht, so nah am System, so nah am Mann, so zu nah. Verbrenn Dich nicht!

Ihre Augenlieder senken sich wieder und tauchen ein in ein Gebiet, in das ihr niemand folgen kann. Ihr Kopf nickt zur Seite, der Hals schafft es nicht mehr ihn zu halten, dann nach vorn und wieder langsam hoch. Den Augen fällt es einfach zu schwer dem Leben ins Gesicht zu sehen.

Wenn ich ehrlich bin, dann hab ich keine Hoffnung mehr, sagt sie, unter hundert Jahre alten Bäume sitzend, bei Sonnenschein, bei warmem Sommerwind, bei Brezeln und Bier und bei Ohnmacht.

Soll ich dir was zu trinken holen? Du musst es nur sagen, das mach ich echt gerne für dich.

Nein danke. Sehr lieb. Sie ist so, dass ich ihre Freundlichkeit nicht annehmen, ihr nicht abnehmen kann.

Verband am linken Handgelenk. Tragödie in drei Akten. Der kennt meine Geschichte, der mir nichts tun wird. Sie sprach mit Lallen in der besoffenen Stimme. Auf Tauchgang, dauerhaft und immer noch so klar dafür. Ihr Vater hat sie mißbraucht, geschlagen, die Mutter nicht da, wenn man sie brauchte. Weißt Du, wie das ist, wenn man niemanden hat, der einen liebt? Wenn das Leben so begonnen hat, dass niemand da ist, der einen will. Das ist ein Problem.

Hepatitis - das hab ich. Nur eine kleine Entzündung in meinem Körper. Das lässt sich nicht behandeln. Neulich, da wollte ich nicht mehr, ich hab meine Wohnung zerstört, dann eine eMail geschrieben an meinen Betreuer.

Und dann? Kam er gleich?

Ja.

Das ist gut, der hat mir geholfen.

Sophie ist heute nach langer Entzugstherapie drogenfrei, lebt eigenständig, erhält Betreuung nach Bedarf durch den Herbergsverein und arbeitet.