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Portrait - Harry

Nachruf auf meinen guten, alten Nachbarn Harry

"Hallo", sagte er mit seinem freundlichen Lächeln im Gesicht. Schon seit einigen Monaten hatten wir uns nicht mehr gesehen. Seit meinem Auszug aus der Parkstraße im Jahre 2005 war ich nicht mehr sehr oft dort. Und doch, wir kannten uns gut, der Harry und ich. Wir unterhielten uns kurz, über dies und das. Ich hatte nicht viel Zeit. Doch als ich nur wenige Wochen später mal wieder vorbeikam, hastete ich schnell in das Haus. Komisch war es schon, dass Harry gar nicht draußen stand. Denn er hatte immer zu tun. Ständig harkte er, zupfte Unkraut oder fegte die Straße. Doch diesmal war Harry nicht da und als ich nach ihm fragte, erfuhr ich es, der Harry ist tot. Harry, wie oft habe ich mit ihm geredet. Wie oft standen wir nur einen kleinen Augenblick auf dem Hof während die Kinder die Steinchen auflasen. Und wenn sie ihre kleinen Trophäen auf den Rasen warfen, dann lächelte er gönnerhaft und ließ sie gewähren. Ich weiß genau, dass Harry sie später wieder zurücklegte. Wir lebten einige Jahre in guter und freundlicher Nachbarschaft zusammen. Erst gab es den Hund, der jedes Mal schwanzwedelnd zu Harry sprang. Harry streichelte ihn und ich konnte sehen, dass auch er meinen Hund mochte. Als der Hund später überfahren wurde, litt auch Harry sichtlich darunter. Er nahm immer Anteil an meinem Leben und doch wahrte er immer die nötige Distanz freundlicher Anteilnahme. Und so freute er sich auch über meine Kinder, schaute immer interessiert in den Kinderwagen. Im Gegensatz zu so vielen anderen Menschen, die einfach immer kleine Babys anfassen müssen, hielt er sich zurück. Als meine Kleinen später laufen konnten, wollten sie immer zu Harry rüber gehen. Hier fuhren sie mit dem Dreirad, dem Bobby Car oder Fahrrad auf dem Hof herum und am liebsten rasten sie den absteigenden Weg vom Haus herunter. Hier hatte Harry seinen ganzen Stolz gepflanzt. Zwischen den Steinen wuchsen Kräuter und Blumen und Harry pflegte sie, als könnten sie zerbrechen. Und dann waren da die Kaninchen und die Hühner. In einem Hauch ländlicher Idylle wurde bei uns zu Hause immer Essen für sie gesammelt und stolz durften auch hier die Kinder immer zu Harry gehen und die Tierchen füttern. Er stand immer dabei, redete und hörte zu und hielt mir die Tür auf und machte mich jedes Mal auf Steine und Unebenheiten im Rasen aufmerksam, damit ich nicht hinfalle. Den Kindern half er liebevoll. Harry ..., nie habe ich seinen Nachnamen erfahren. Wir waren schnell auf Du und Du. Ich wusste, dass er aus dem Osten kam und hatte irgendwann "rüber gemacht". Ich wusste nicht viel über sein Schicksal, über das, was ihn hier her gebracht hat. Aber das war auch nicht wichtig. Harry gehörte zu diesem Haus, wie jeder Stein. Er erzählte mir stolz von seinem Zimmer, von seinen Vögelchen, die er im Käfig dort hielt und ich wusste, den Tierchen geht es gut, schließlich kümmert sich Harry ja um sie. Und eigentlich war mir auch nie klar, ob er hier nun Angestellter oder Betreuter war. Nie habe ich Harry torkelnd nach Hause gehen sehen, wenn ich ihn in der Stadt traf, dann war er gerade auf dem Weg, um Brötchen oder Zigaretten zu kaufen. Aber das dauerte nicht sehr lange. Dann stand er wieder in seinem grünen Arbeitsanzug auf dem Hof und fuhr mit seiner Arbeit fort. Jeden Tag trug er seine Arbeitsklamotten, außer es war Sonntag. Das war der Tag, an dem Harry immer ein helles Hemd trug und seine Garten- und Hofpflege ruhen ließ. Er lebte in diesem Takt der Woche und machte auf mich einen glücklichen, vor allem sehr zufriedenen Eindruck. Und nun werde ich Harry nicht mehr hier antreffen. Mit ihm geht ein Stück von diesem Haus und ein Teil der Nachbarschaft, für viele Menschen, die hier wohnen und wohnten. "Der Harry ist tot", hörte ich leise und als ich fragte, wann die Beerdigung wäre, wurde mir erstmalig klar, dass er kein Angestellter in diesem Haus war. Ein Betreuter! Und so teilen sich die Menschen in diesem Leben. Mir bleiben nur diese Worte für dich - lieber Harry. Für diese Worte nehme ich mir Zeit, so wie du immer Zeit hattest, für ein kleines Pläuschen zwischen guten Nachbarn.

In stillem Gedenken, Birgit S.